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Unregelmäßige Gedanken zu Kunst und öffentlichem Raum

‚Kultur für alle‘. Oder: Warum nicht jeder im öffentlichen Raum alles auf Anhieb verstehen muss.

Mein letzter Blogeintrag über die Auseinandersetzung um die Plastik Bogenschütze  im Bezirksrat Hannover Mitte hat einige Diskussionen darüber ausgelöst, wer über Kunst im öffentlichen Raum entscheiden sollte. Meiner Meinung nach führt kein Weg an der Beteiligung von Experten vorbei, die – wie in einer repräsentativen Demokratie üblich – Empfehlungen aussprechen und in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Wäre letztlich die Laienmeinung der Bürger ausschlaggebend, wäre Kunst im öffentlichen Raum nicht in der Lage, Neues, Ungewöhnliches, Innovatives und zunächst nicht Konsensfähiges zu präsentieren. Sie könnte nicht überraschen oder irritieren, bliebe vorhersehbar und durchschnittlich. Eine Entwicklung wäre unmöglich, Stagnation vorprogrammiert.

Um einige zusätzliche Hintergründe zur Diskussion beizutragen, veröffentliche ich an dieser Stelle nochmals meinen Essay „Wie funktioniert demokratische Kunst? Hilmar Hoffmanns Thesen zur Kunst im Stadtraum“, der für den von Wolfgang Schneider herausgegebenen Band „Kulturelle Bildung braucht Kulturpolitik. Hilmar Hoffmanns ‚Kultur für alle‘ reloaded“ (Hildesheim 2010) entstand.

Tatsächlich sind Hilmar Hoffmanns Thesen und Forderungen meiner Meinung nach bis heute die oft fatale Grundlage für Entscheidungen in der Kommunalpolitik – fatal auch deshalb, weil sie oft sehr verkürzt wiedergegeben oder falsch verstanden werden. Es ist deshalb für mich eine wichtige Notwendigkeit, sie in ihren ursprünglichen Kontexten näher zu betrachten.

Thomas Kaestle über Hilmar Hoffmann

Das Maß der Mitte

Der Bezirksrat Hannover Mitte hat entschieden: die Plastik Bogenschütze von Ernst-Moritz Geyger soll nach der Restaurierung an ihren alten Standort zurückkehren. Damit hat er die Gelegenheit zur Korrektur einer lange zurückliegenden eher unglücklichen Standortentscheidung verschenkt. Das wäre zu verschmerzen. Viel problematischer ist jedoch seine Argumentation dabei.

Um es vorwegzunehmen: Ich bin kein Unbeteiligter. Ich bin Autor des Gutachtens jener Kommission, die vor fünf Jahren ihre kritische Bestandsaufnahme der Kunst im öffentlichen Raum Hannovers veröffentlichte, zu der sie noch von Ex-OB Herbert Schmalstieg beauftragt worden war. Seither engagiere ich mich für eine lebendige Debatte, einen aktiven Blick nach vorne und eine umfassende Vermittlung des historischen Bestands. Der ist nämlich außergewöhnlich in Hannover: Kaum eine andere deutsche Stadt weist eine so hohe Dichte an künstlerischen Objekten im Innenstadtbereich auf. Ein wichtiger Standortfaktor für die Landeshauptstadt – wenn er mit der notwendigen Sensibilität gepflegt wird.

Dazu zählt vor allem die Frage nach der Wirksamkeit im Sinne von Kunst und Künstler: Wird ein Objekt an seinem Standort noch wahrgenommen, kann es sein Potential ausschöpfen, wie ist es in seine Umgebung eingebunden? Die Kommissionsmitglieder verstanden sich als Anwälte der Künstler und ihrer Arbeiten. So auch im Fall des Bogenschützen. Ein Vergleich mit der Aufstellung der weiteren zahlreichen Abgüsse der 1902 geschaffenen Plastik ergibt schnell, dass sie in weitläufigen Landschafts- oder Gartenräumen sehr gut funktioniert. Sie benötigt Weite, um ihre ästhetische Wirkung voll entfalten zu können. Diese Weite fehlt ihr in der gebauten Umgebung des Trammplatzes.

Allerdings wird es mir keine schlaflosen Nächte bereiten, dass der Bezirksrat Hannover Mitte nun der Empfehlung der Kommission eine Absage erteilt hat. Es wird nicht die einzige bleiben, die aus diesem oder jenem Grund nicht umgesetzt werden kann. Große Sorge bereitet mir vielmehr die grundsätzliche Haltung des Bezirksrats, dessen mangelnde Sorgfalt bei Entscheidungen mit gesamtstädtischer Tragweite und eine Argumentation, die jede Wertschätzung für Kunst oder Kultur vermissen lässt. Denn in der Begründung des Ablehnungs-Antrags, den alle Fraktionen gemeinsam eingebracht haben, finden sich eigentlich nur zwei Argumente.

Das erste ist besonders beliebt bei Konservativen: Wenn etwas schon immer (oder zumindest schon sehr lange) unverändert blieb, kann es nicht schlecht sein und muss so bleiben. Das zweite dreht sich um falsch verstandenes Stadtmarketing: Weil der Bogenschütze vor dem Rathaus in Büchern, Reisführern und auf Postkarten abgebildet ist und sich über ihn irgendwann der touristisch nützliche Kalauer vom Zielen auf den Oberbürgermeister entwickelt hat, muss er als Fußnote der Geschichte(n) am verzeichneten Ort verbleiben. Auf diese Weise wird das Abbild wichtiger als das Objekt. Ob es vor Ort eigenständig zu wirken vermag, wird unwichtig. Nur die (kommerziell) vermarktbare Referenz zählt. Die Kunst wird für zweifelhafte Marketingzwecke instrumentalisiert – der Verlust ihres darüber hinaus reichenden Assoziationspotentials hingegen führt zum schleichenden Verebben der gemeinsamen Leuchtkraft der hannoverschen Kunst im öffentlichen Raum als solche.

Dabei hätten die Mitglieder des Bezirksrates durchaus die Möglichkeit gehabt, sich über die wesentlichen Gesichtspunkte des Themas Kunst im öffentlichen Raum vorab zu informieren. Sie haben jedoch offenbar weder mit ihren Fraktionskollegen aus dem Kulturausschuss gesprochen (die sich seit Jahren für einen seriösen Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum einsetzen) noch mit der Kulturverwaltung (die ebenfalls seit einigen Jahren ihr Engagement verstärkt hat). Weder haben sie wohl den allgemeinen Teil des umfangreichen Gutachtens gelesen noch kennen sie die Handreichung des Deutschen Städtetages vom Anfang dieses Jahres. Darin heißt es übrigens unmissverständlich: „Jede wichtige Aufgabe wird in der öffentlichen Verwaltung durch fachkundiges Personal erledigt. Dies muss auch für den Umgang mit öffentlicher Kunst gelten.“

So kam es schließlich zu einem von allen Parteien getragenen Antrag, der für die Kunst in ihrer Eigenständigkeit blind war – wie auch für jegliche kunst- oder kulturwissenschaftliche oder -historische Zusammenhänge. Denn was die Kommissionsempfehlung verkürzt als die Gefahr einer „offensiven Deutung“ bezeichnet, hat seinen Hintergrund auch in der wechselhaften Standort- und Deutungsgeschichte des Bogenschützen. Seine in Dresden und Hannover platzierten Abgüsse wurden einst beide von den Nationalsozialisten instrumentalisiert: Der eine wurde am neu angelegten Elbufer, der andere am Engesohder Friedhof mit Blick auf die Löwenbastion des neu gebauten Maschsees neu aufgestellt. Ziel war unter anderem, die angestrebte Militarisierung der Gesellschaft auch ästhetisch im öffentlichen Bewusstsein zu verankern – in einer Verbindung von Schönheit und Willen. Das macht die Plastik vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts natürlich noch nicht zu einem per se militaristischen Objekt. Doch es gebietet ein wenig Sensibilität in Bezug sowohl auf seinen aktuellen Aufstellungsort als auch auf eine neuerliche Instrumentalisierung für repräsentative Zwecke.

Eine differenzierte Auseinandersetzung verweigerte der Bezirksrat aber selbst noch in der kurzen Aussprache vor der Abstimmung. Vielmehr wurde erneut mit Gewohnheiten und Traditionen sowie mit der vermeintlichen Bürgermeinung argumentiert – was schließlich in einem Plädoyer des Vertreters der Piratenpartei für eine Berücksichtigung des „gesunden Volksempfindens“ gipfelte. Wie viele der Bezirksratsmitglieder tatsächlich gut genug mit der deutschen Geschichte vertraut sind, um zu wissen, dass die Nationalsozialisten diesen Begriff einst ideologisch prägten, um Kunst entsprechend eines behaupteten kollektiven Volkswillens als ‚entartet‘ oder ‚volksfremd‘ zu disqualifizieren, war nicht festzustellen. Denn tatsächlich fand keinerlei Reaktion statt. Kurze Zeit später fassten die Bürgervertreter den Beschluss, keine Standortveränderung vorzunehmen, fraktionsübergreifend und ohne Gegenstimmen.

Wer sich ein wenig mit den Diskursen der vergangenen 40 Jahre zur Kunst im öffentlichen Raum befasst, stößt schnell auf einen Konsens fast aller Autoren: Sie eigne sich nicht zur Basisdemokratie. Denn sie solle überraschen können, neue oder ungewohnte Perspektiven aufzeigen, innehalten lassen oder herausfordern. Sie brauche die Auseinandersetzung, aber sie eigne sich nicht zur Einigkeit. Sie benötige Experten, die alle Aspekte mit einzubeziehen vermögen, auch die schnellen Veränderungen des Stadtraums oder unserer Wahrnehmungsgewohnheiten. Lothar Romain, Initiator der wichtigen hannoverschen Projekte Bis Jetzt, Im Lärm der Stadt und Busstops und späterer Präsident der Berliner Universität der Künste, betonte bereits 1989: „[…] denn es ist nicht einzusehen, dass ein auf Repräsentanz und Stellvertretung aufbauendes demokratisches System wie das der Bundesrepublik gerade in Fragen der Kultur und Kunst populistische Wege über Volksabstimmungen gehen sollte.“ Gerade jene, die betonen, die Mehrheit der Bürger vertreten zu wollen – sei es mit dem konservativen Anspruch, den Status Quo einzufrieren, oder mit rechtspopulistischem Schielen auf ein angebliches „gesundes Volksempfinden“ – sollten sich vor Augen halten, dass es mit ihnen auch keine Nanas gegeben hätte.

Die Hauptsatzung der Landeshauptstadt Hannover gewährt den Bezirksräten das Recht, über Kunst im öffentlichen Raum ihres Zuständigkeitsbereiches zu entscheiden. Dies erscheint für die meisten Bezirke unproblematisch, da sich nur wenige Objekte in ihren Grenzen befinden. Der Bezirk Hannover Mitte jedoch umfasst den Großteil aller künstlerischen Arbeiten, die Hannover seit 1945 zu einer für das Thema bedeutenden Stadt gemacht haben. In den vergangenen Jahren hat sich hier nach langer Stagnation Erfreuliches für die Kunst im öffentlichen Raum getan: Die wieder erhöhte Aufmerksamkeit bei Kulturverwaltung und Kulturausschuss hat zu Verbesserungen vor allem bei Pflege und Vermittlung geführt. Dabei verließen sich die Verantwortlichen meist auf die Einschätzungen von Experten. Das Gutachten, an dem ich mit zwei sehr erfahrenen Kollegen und einigen Beratern über zwei Jahre lang gearbeitet habe, hat dabei bis heute Gültigkeit – und findet Beachtung über Hannover hinaus.

Dass der Bezirksrat Hannover Mitte in der Auseinandersetzung um den Bogenschützen offenbar sein Interesse daran entdeckt hat, sich über ein Thema zu profilieren, ohne dabei die bisherigen Bemühungen von Kulturverwaltung, Experten oder Fraktionskollegen im Kulturausschuss auch nur zu beachten, gefährdet die Arbeit der vergangen Jahre und degradiert das Gutachten ungelesen zu Makulatur. Dass die Politiker aller Fraktionen dabei augenscheinlich nicht den Anspruch haben, die Interessen der Kunst zu vertreten, sondern diese für Marketingzwecke instrumentalisieren, lässt eine zunehmende Kommerzialisierung befürchten. Und dass ihre Argumente dabei vorrangig populistisch sind und selbst vor nationalsozialistischer Terminologie nicht zurückschrecken, lässt Schlimmstes ahnen. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass in einer Stadt wie Hamburg gerade eine Stadtkuratorin mit mutigem Konzept ihre Arbeit begonnen hat – während in einer Stadt wie Hannover das Ernst-August-Denkmal für einige Tage durch eine Werbegemeinschaft der Öffentlichkeit entzogen wird, um es für kommerzielle Zwecke zu nutzen.